1. Trendhintergrund: Was ist passiert?
Im Jahr 2026 zeichnete der vom Reuters Institute der Universität Oxford veröffentlichte Digital News Report ein beunruhigendes Bild: Soziale und Video-Netzwerke übertrafen erstmals die eigenen Websites und Apps der Nachrichtenorganisationen und wurden zum wichtigsten Weg für das globale Publikum, um Online-Nachrichten zu erhalten (54 % gegenüber 51 %). Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen KI-Chatbots als Nachrichtenzugang; die Nutzungsrate stieg von 7 % auf 10 % und erreichte bei den unter 35-Jährigen 16 %. Der Online-Videokonsum steigt weiter: 77 % der Befragten sehen wöchentlich Nachrichtenvideos, während traditionelle Fernsehnachrichten an Boden verlieren.
Noch bemerkenswerter ist, dass das Vertrauen in die Nachrichten auf den niedrigsten Stand seit 2015 fiel (37 %): In 29 Märkten sank das Vertrauen, und in den USA geben nur noch 25 % an, den Nachrichten meistens zu vertrauen. Gleichzeitig stieg die Sorge über Fehlinformationen um 4 Prozentpunkte auf 62 %.
Diese Zahlen zeigen, dass das globale Informationsökosystem einen grundlegenden Umbruch durchläuft. Das Publikum verlässt sich nicht mehr auf einzelne Medienmarken, sondern versteht die Welt durch eine Kombination aus sozialen Medien, Videoplattformen, KI-Tools und Content-Erstellern. Für die Unternehmenskommunikation bedeutet dies, dass die bisherige Kommunikationslogik, die auf Medienpräsenz und Kanalabdeckung beruhte, durch eine neue, komplexere Logik ersetzt wird, die stärker von Algorithmen und KI-Vermittlung abhängt.
2. Warum entsteht dieser Trend?
Technologietreiber: Algorithmen und KI als neue Gatekeeper
Technologie ist der zentrale Treiber dieser Veränderung. Soziale-Medien-Algorithmen haben längst die Rolle der Redakteure übernommen und bestimmen, welche Informationen in das Blickfeld der Nutzer gelangen. Die Einbindung von KI-Chatbots automatisiert zudem die Filterung und Interpretation von Informationen. Wenn Nutzer über ChatGPT oder Perplexity fragen, ob ein bestimmtes Unternehmen zuverlässig ist, generiert das KI-System eine Antwort, die mehrere Quellen zusammenfasst, und kennzeichnet die zitierten Quellen. Das bedeutet: Alle öffentlichen Informationen einer Organisation können von KI erfasst, aggregiert, neu interpretiert und dem Nutzer in komprimierter Form präsentiert werden.
Publikumstreiber: Videoorientierung und passiver Konsum
Auch das Verhalten der Nutzer verändert sich deutlich. Der Bericht zeigt, dass Menschen Nachrichten immer lieber „sehen“ statt „lesen“: 77 % der weltweiten Nutzer sehen wöchentlich Online-Nachrichtenvideos. Der Aufstieg der Kurzvideo-Plattformen macht den Inhaltskonsum passiver und fragmentierter – Nutzer scrollen an einer Information vorbei und gleiten innerhalb weniger Sekunden weiter, selten klicken sie aktiv auf weiterführende Artikel. Gleichzeitig nimmt das Interesse an Nachrichten insgesamt ab: 25 % der Befragten zählen zu den „passiven Konsumenten“, die nur einmal pro Woche mit Nachrichten in Berührung kommen und wenig Interesse zeigen. In diesem Umfeld ist es fast unmöglich, allein durch eine einmalige Präsenz Bekanntheit aufzubauen.
Branchentreiber: Der doppelte Druck auf Medienhäuser und Content-Ersteller
Traditionelle Medienunternehmen stehen unter doppeltem Druck: Einerseits schwindet das Werbemodell und das Publikum geht verloren, andererseits stellen sie fest, dass sie kein Monopol auf Informationsverbreitung mehr besitzen. Der Bericht zeigt, dass der Videokonsum auf den eigenen Websites und Apps von Nachrichtenorganisationen im Jahresvergleich um 5 Prozentpunkte zurückgegangen ist; der Traffic fließt zunehmend zu Drittplattformen. Gleichzeitig werden Content-Ersteller (Creators) zu neuen Informationsknotenpunkten. 27 % der Befragten beziehen Nachrichten von persönlichen Creators, denen sie folgen. Diese Creators sind oft besser darin, mit Videos und persönlicher Ansprache Publikum zu gewinnen. Obwohl Creators bei der Unparteilichkeit nicht besser sind als institutionelle Medien, gelten sie als „verständlicher, unterhaltsamer und authentischer“.
3. Was sich wirklich verändert
Oberflächlich betrachtet ist dies lediglich ein Kanalwechsel – von der Website zu sozialen Medien, von Text zu Video. Doch die tiefere strukturelle Veränderung liegt darin, dass die Mechanismen von Vertrauen und Informationsverifikation neu geformt werden.
Früher folgte die Kommunikation einem linearen Pfad: „Veröffentlichung – Medienverifikation – Empfang durch das Publikum“. Medienunternehmen fungierten als Gatekeeper und bürgten durch redaktionelle Prozesse für Informationen. Unternehmen brauchten nur eine Pressemitteilung zu veröffentlichen; sobald sie von wichtigen Medien übernommen wurde, erlangten sie Legitimität.
Heute ist diese Kette in ein Netzwerk aus vielen Knotenpunkten und Ebenen zerlegt. Bevor Informationen das Publikum erreichen, müssen sie die Filter der Plattformalgorithmen durchlaufen (werden sie empfohlen?), sich der videobasierten Darstellung anpassen (werden sie verstanden?) und der „Neuinterpretation“ durch KI-Systeme standhalten (werden sie zitiert, wie werden sie zusammengefasst?). Noch wichtiger: Vertrauen wird nicht mehr von einer einzelnen Medienmarke bereitgestellt, sondern verteilt sich auf verschiedene Knotenpunkte – Creators, soziale Kreise, Algorithmus-Empfehlungen und KI-Antworten.
Diese Veränderung bezeichnen wir als „Trust-Layer-Migration“ (Trust Layer Migration):
Der Mechanismus der Vertrauensbildung verlagert sich von der einmaligen Medienpräsenz hin zu einem System der Verifikation über mehrere Knotenpunkte.
Das bedeutet, dass Organisationen nicht eine einzelne Präsenz verwalten müssen, sondern die „Glaubwürdigkeit“ von Informationen, wenn diese im gesamten Informationsökosystem wiederholt verifiziert, zitiert und interpretiert werden. Früher war Kommunikation ein „Kanalwettbewerb“ – wer die größere Reichweite hatte, gewann. Heute ist Kommunikation ein „kognitiver Wettbewerb“ – wer in Algorithmen, KI und den Köpfen des Publikums eine stabile, konsistente Wahrnehmung aufbaut, besitzt echten Einfluss.
Zitat zu diesem Trend: Kommunikation bewegt sich vom Kanalwettbewerb hin zum Wettbewerb im Informationsökosystem.
4. Was bedeutet dieser Trend?
Für Unternehmenskommunikationsteams
Der Wert des Unternehmens-Newsrooms muss neu definiert werden. Er ist nicht länger nur ein Kanal für Pressemitteilungen, sondern eine Infrastruktur, die KI-Systemen und Suchmaschinen „strukturierte Fakten“ liefert. Unternehmen müssen sicherstellen, dass ihre Informationen von Algorithmen klar erfasst und von KI präzise zitiert werden können. Das bedeutet, dass Inhalte nicht nur für Menschen, sondern auch für „maschinelle Lesbarkeit“ gedacht sein müssen. Semantische Auszeichnung, Kreuzvalidierung über vertrauenswürdige Quellen und die Zusammenarbeit mit Drittquellen werden Teil der Kommunikationsarbeit.
Für die PR-Branche### Für die PR-Branche
Traditionelle Medienarbeit ist nach wie vor wichtig, aber ihre Rolle wandelt sich von einem „Verteilungskanal“ zu einer „Vertrauensbestätigung“. Der Wert der Medienberichterstattung liegt nicht darin, wie viel Reichweite sie erzielt, sondern darin, eine autoritative Referenz zu sein, die von KI zitiert und von Kreativen herangezogen wird. PR-Agenturen müssen ihren Kunden helfen, Beziehungen zu verschiedenen Informationsvermittlern aufzubauen – einschließlich Medien, Kreativen und KI-Indizes – und nicht nur Pressemitteilungen zu versenden.
Für Medienorganisationen
Nachrichtenorganisationen müssen sich einer unbequemen Realität stellen: Sie sind nicht länger der Standardzugang für das Publikum. Doch ihre Fähigkeit zu tiefgehender Berichterstattung und investigativem Journalismus zu bestimmten Themen bleibt für KI-Systeme und Kreative unersetzlich. Medien müssen ihren Platz im „Content-Ökosystem“ finden – entweder als „Lieferanten von Fakten“ für KI, durch Kooperationen mit Kreativen oder durch die Konzentration auf vertrauenswürdige, tiefgehende Inhalte.
Für Markenmanager
Reputation ist nicht mehr das, was die Medien sagen, sondern wie Algorithmen dich beschreiben, wie KI über dich antwortet und wie Kreative dich bewerten. Markenmanager müssen nicht nur die Medienberichterstattung überwachen, sondern auch Markenerwähnungen in KI-Antworten, die Nutzermeinungen auf Kurzvideo-Plattformen und den Kontext verschiedener Social-Media-Diskussionen. Reputationsmanagement wird sich vom „Monitoring der öffentlichen Meinung“ zum „Wahrnehmungsmanagement“ weiterentwickeln.
Für internationale Geschäftsteams
Die Plattformökosysteme, KI-Nutzungsgewohnheiten und Vertrauensstrukturen in verschiedenen Märkten unterscheiden sich erheblich. In Europa wächst der Anteil der Nutzung von KI-Chatbots für Nachrichten rapide; in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland ist dieser Anteil jedoch nicht gestiegen. Internationale Kommunikationsstrategien müssen lokalisiert werden und die Wege verstehen, auf denen das Publikum in jedem Markt Informationen findet, anstatt einfach ein globales Konzept zu kopieren.
5. Beachtenswerte Signale für die Zukunft
Die folgenden Signale verdienen eine kontinuierliche Beobachtung:
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Veränderung der KI-Zitierquellen: Wenn immer mehr Menschen Informationen über KI beziehen, welche Quellen werden von KI in Antworten bevorzugt zitiert? Können Unternehmen zur „Standardempfehlung“ der KI werden? Das muss sich zeigen.
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Entwicklungspfad der Plattformalgorithmen: Werden soziale Plattformen und Video-Netzwerke die „Creator Economy“ weiter stärken? Werden Algorithmen bestimmte Inhaltsarten belohnen (z. B. tiefgehende Analysen) und andere bestrafen (z. B. reine Werbung)?
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Kooperations- und Konkurrenzverhältnis zwischen Kreativen und traditionellen Medien: Können Kreative das Vertrauen des Publikums aufrechterhalten? Werden sie sich professionalisieren und institutionalisieren? Werden traditionelle Medien eine „Creator-Strategie“ verfolgen?
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Langfristige Entwicklung des Vertrauens: Wird der Vertrauensverlust wieder ansteigen? Oder wird das Vertrauen mit der weiteren Durchdringung von KI und Algorithmen noch fragmentierter und bildet „Vertrauensinseln“?
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Veränderung der Unternehmensinhaltsstruktur: Werden Unternehmen ihre Content-Teams umstrukturieren und sich vom Pressemitteilungs- hin zum „Wissensdatenbank“-Aufbau wenden? Werden sie Ressourcen in die Produktion von Videos und strukturierten Inhalten investieren, die von KI erfasst werden können?
6. Veerixa-Beobachtungen## 6. Veerixa-Beobachtung
Die größte Veränderung im Kommunikationsumfeld ist nicht die Zunahme der Kanäle, sondern dass Informationen sich gleichzeitig an Menschen, Suchsysteme und KI-Verständnismechanismen anpassen müssen. Früher endete Kommunikation mit der Veröffentlichung; heute beginnt sie erst in einen langen Lebenszyklus einzutreten, in dem sie gesucht, von Algorithmen empfohlen und von KI interpretiert wird. Jede Information einer Organisation kann zum „Rohmaterial“ der Nutzerwahrnehmung werden, und die endgültige Wahrnehmung der Marke durch die Nutzer ist das Ergebnis des Zusammenspiels dieser Knotenpunkte.
Daher sollte der Ausgangspunkt der Kommunikationsstrategie nicht länger sein: „Was wollen wir sagen?“, sondern: „Wo sind die Nutzer, wie finden sie uns, wie versteht uns KI?“ Dies ist kein technisches Problem, sondern eine grundlegende Wende in der Kommunikationsphilosophie – von der Verfolgung sichtbarer Reichweite hin zur Steuerung unsichtbarer Wahrnehmung.
7. Fazit
Der „Digital News Report 2026“ erzählt keine einfache Geschichte des „Branchenrückgangs“, sondern einen Prozess der „Neuorganisation der Arten“ im Informationsökosystem. Unternehmen, Medien, Kreative und KI-Systeme kämpfen alle um dieselbe Ressource: die begrenzte Aufmerksamkeit und das Vertrauen des Publikums. Die alte Logik der Sichtbarkeit verliert an Wirkung, während sich eine neue Logik der Wahrnehmung herausbildet. Doch wie der Bericht zeigt, ist das Bedürfnis nach fairen, wahren und zuverlässigen Informationen nicht verschwunden; nur die Art und Weise, wie sie bezogen werden, hat sich verändert.
Für die Organisationskommunikation besteht die größte Herausforderung nicht darin, wie man mit Technologie umgeht, sondern darin, wie man im Zeitalter der technologischen Vermittlung das Recht, „vertraut zu werden“, neu gewinnt. Dazu bedarf es Geduld, Transparenz und einer Neubetrachtung des Wesens von Kommunikation.